Kann man morgens als Kind aufstehen und abends erschöpft als Erwachsener ins Bett gehen? Es ist ein Gedanke, der zuerst irritiert, und doch baut das Juventusfest zum Teil auf diese beinahe mystische Verwandlung der Jugendlichen auf. Ein Blick ins Programm verrät, dass zu Beginn der Einzug der „Juventus-Teilnehmer“ die Feierstunde einläutet. Am Ende wird verkündet: „Auszug der jungen Erwachsenen“ aus der Gustav-Adolf-Kapelle. Droht nun den Eltern, dass aus den Zimmern der Jugendlichen nur noch stundenlange Diskussionen über Max Frisch und die Bildnisproblematik dringen?

Erwachsensein wird mit Worten verbunden, die große Namen tragen: Vernunft, Anstand, Verantwortung, um nur eine Auswahl zu nennen. Niemand wird zudem bestreiten wollen, dass an Erwachsene höhere Ansprüche gestellt werden als an Kinder. Die Welt der Erwachsenen ist geprägt durch Regeln, die das Zusammenleben angenehm gestalten sollen. Einen hilfreichen Einblick werden die Jugendlichen im noch anstehenden „Knigge-Kurs“ erfahren. Doch es sind auch die Erwachsenen, die mitunter zu Taten fähig sind, die die eigene Vorstellungskraft übersteigen. Aus diesem Grund bleibt der Besuch des KZ Buchenwalds den Schülerinnen und Schülern sicherlich lange im Gedächtnis. Dabei hoffentlich gepaart mit der eigenen Verantwortung, zukünftiges Unrecht zu verhindern und die Toleranz gegenüber Minderheiten nicht nur als Lippenbekenntnis zu begreifen. Am Ende wird die Reise in die Welt der Erwachsenen mit einem Besuch im Bundestag im Laufe des Schuljahres enden, wo die entscheidenden Weichen für unsere Demokratie gefällt werden, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.

Das Erwachsensein sei somit nicht mit der Imitation angeblich erwachsenen Verhaltens, dem Rauchen und dem Trinken von Alkohol, bereits erreicht, wie es manchmal Heranwachsende verwechseln, hob der stellvertretende Schulleiter Herr Hinz hervor. Vielmehr komme es einerseits auf die gegenseitige Nachsicht gegenüber den Fehlern und nicht erfragten Ratschlägen der Erwachsenen an, denn schließlich entstehe jeder gute Rat aus dem Wunsch, den jungen Menschen zu helfen. Andererseits bildet somit Toleranz gegenüber den Mitmenschen das Fundament des Erwachsenenlebens. Doch am Ende müssen die Jugendlichen selbst ihren Weg durchs Leben gestalten.

Es war die fleißige Unterstützung der Eltern der achten Klassen, die beim Auf- und Abbau halfen, und eine reibungslose Feierstunde ermöglichten. Es waren die Grußworte des Bundestagsabgeordneten Dieter Stiers, die die Chancen und Probleme der kommenden Jahre in den Vordergrund rückten. Es war die musikalische Begleitung des Trio B, welche dem Tag seinen festlichen Rahmen gab. Es war die gründlich vorbereitete Rede von Pauline Wittwer und Elias Tandel, in der sie sich an die Gäste wandten.  Es war der Segen des Pfarrers Armin Pra für die Zukunft der jungen Menschen. Es war das anschließende Fest mit Familie und Freunden. Das Alles machte das Juventus-Fest zu einem besonderen Tag für die Jugendlichen an der Freien Gesamtschule.

Somit stellt sich erneut die Frage: „Kann man morgens als Kind aufstehen und abends erschöpft als Erwachsener ins Bett gehen?“ Nüchtern betrachtet, muss man diesen Gedanken verwerfen. Es ist ein langwieriger Prozess, doch Jugendliche und Erwachsene können sich jeden Tag bemühen, sich dem Ideal des vernünftigen, mitfühlenden und verantwortungsvollen Menschen anzunähern.

 

Autor: Tim Reinke